





Da bei der Ohrakupunktur, im Gegensatz zur somatischen Akupunktur, nur Punkte in der Ohrmuschel genadelt werden, spricht der Akupunkturarzt auch von Aurikulomedizin. Dieses Vorgehen basiert auf der somatotopischen Repräsentation zahlreicher somatischer und viszeraler Strukturen. Morphologische und physiologische Phänomene belegen die tatsächliche Existenz eines solchen Zusammenhangs. Außerdem zeigen sich Änderungen in der Elektrophysiologie, wenn die Morphe der Haut gestört ist (z.B. Nävi, Erytheme oder Teleangiektasien). Dass Schmerzpunkte in der Ohrmuschel mit zahlreichen inneren Erkrankungen korrelieren, zeigt sich bei der Stimulation bestimmter Körperbereiche - der elektrische Widerstand an den entsprechenden Ohrpunkten sinkt.
Auf den ersten Blick mag es vorteilhaft sein, somatische Akupunktur und Aurikulomedizin stets in derselben Sitzung zu applizieren. Doch lässt sich die therapeutische Effektivität so tatsächlich steigern? Italienische Anästhesisten und Akupunkturärzte haben diese Hypothese vor kurzem auf den Prüfstand gestellt. Zunächst haben sie untersucht, ob bei zervikalen myofaszialen Schmerzen mit der Körperakupunktur eine ausreichende Analgesie zu erreichen ist. Darüber hinaus war für die Forscher von Interesse, ob die Kombination aus somatischer Akupunktur und Aurikulomedizin einen signifikant größeren Nutzen erbringen würde, als die somatische Akupunktur allein.
Die Forscher schlossen insgesamt 62 Patienten (46 Frauen, 16 Männer), die die Diagnosekriterien für zervikale myofasziale Schmerzen erfüllten, in die Studie ein. Alle Probanden hatten sich bis dato noch keiner Akupunkturtherapie unterzogen. Zudem durfte kein Proband auf eine Dauermedikation angewiesen sein oder an bestimmten chronischen Systemerkrankungen leiden. Personen, die an Lungenemphysem, chronischer Bronchitis, Asthma bronchiale, Fibromyalgie oder kardiovaskulären Erkrankungen litten, wurden daher ausgeschlossen. Lediglich Paracetamol (1 g) im Schmerzanfall war zugelassen. Die Probanden wurden auf zwei Testkollektive randomisiert: somatische Akupunktur allein bzw. somatische Akupunktur plus Ohrakupunktur. Sowohl die notwendige Untersuchung als auch die jeweilige Intervention wurden von erfahrenen Akupunkturärzten durchgeführt.
Bei den Probanden der Akupunkturgruppe (n=31, mittleres Alter 45,5 Jahre) applizierten die Mediziner Nadeln je nach Dicke von Dermis und Subkutis in verschiedenen Längen (ø 300 µm, Länge 18, 29 oder 49 mm) in insgesamt acht Sitzungen: bilateral an Dü 3 (Houxi), 3E 5 (Waiguan), Di 4 (Hegu), Bl 10 (Tianzhu), Gb 20 (Fengchi), median an LG 14 (Dazhui) und LG 15 (Yamen). Die Insertion der Nadeln reichte in allen Fällen bis zur Muskulatur, bei LG 14 und LG 15 lag die Nadelspitze im Ligamentum interspinale. Die Simultanstimulation von jeweils zwei Punkten bestand aus Drehbewegungen um die Nadelachse bis zum Erreichen des DeQi.
Diejenigen Probanden (n=31, mittleres Alter 39,8 Jahre), die zusätzlich an der Ohrmuschel akupunktiert wurden, erhielten eine somatische Nadelung nach demselben Schema. Für die Applikation der Nadeln am Ohr (ø 300 µm, Länge 18 mm) standen vier verschiedene Stellen an beiden Ohrmuscheln zur Verfügung: die Zone der Halssäule, Shen men, der Lungenpunkt und der Okzipitalpunkt. Die Effektivität beider Therapien bestimmten die Forscher an vier Zeitpunkten: zu Beginn und am Ende der Therapie, sowie nach einem und drei Monaten. Als Messinstrumente verwendeten sie einen speziellen Fragebogen für Spontanschmerzen (McGill Pain Questionnaire [MGPQ]) und eine visuelle Analogskala (VAS), anhand der die Probanden durch Halsbewegungen provozierte Schmerzen selbst einschätzten.
Die Studienautoren kamen zu interessanten Ergebnissen. Zum einen hatten sowohl die bloße Akupunktur als auch die Kombinationstherapie zu einer statistisch signifikanten (> 50%) Reduktion der Schmerzintensität geführt (26 vs. 22 Probanden), wie die MGPQ-Daten zeigen. Und auch längerfristig zeigten sich die Schmerzen konstant rückläufig, wie die Messungen nach einem (14,2 vs. 11,4 Punkte) und nach drei Monaten (15,6 vs. 12,9 Punkte) belegen. Die zugehörigen Ausgangswerte hatten noch 40,7 vs. 38,9 Punkte betragen. Die VAS-Werte korrelieren sehr gut mit den MGPQ-Zahlen. Andererseits registrierten die Forscher für keinen der genannten Messzeitpunkte statistisch auffällige Unterschiede zwischen den Testgruppen.
Die Autoren schließen die Ausführungen, indem sie ihre Ergebnisse in den Kontext vorangegangener Untersuchungen zu demselben Thema einordnen. Dabei berücksichtigen sie die noch immer sehr diffizilen Techniken, die in der Akupunkturforschung unverzichtbar sind. Zudem diskutieren sie sowohl das aktuelle Verständnis der Schmerzgenese als auch jenes der neurologischen Mechanismen, auf denen die Akupunkturwirkung beruht oder beruhen könnte.
Dazu meint Dr. Bernd Ramme, Pressesprecher der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin (DAAAM): "Diese Arbeit zeigt deutlich, zu welcher Wirksamkeit besonders die klassische Nadelung führen kann." Ferner betont Ramme, der Leitsatz 'Nicht das Mögliche, sondern das Notwendige' gelte selbstverständlich auch für Komplementärmediziner. "Schließlich sollen gerade alternative Therapien paßgenau auf die Patienten zugeschnitten sein. So achten wir bereits bei der Ausbildung unserer Mitglieder darauf, späterem Übertherapieren und damit nutzlosen Belastungen für die Patienten vorzubeugen."
(DAAAM)
Quelle:
Ceccherelli F et al: The therapeutic efficacy of somatic acupuncture is not increased by auriculotherapy. Complement Ther Med 2006;14,47-52.

